Es geht los Print

Kapitel 1.3 Es geht los!

New York, 11.09.2001 8.42 Uhr
Patrick O’Sullivan musste zum 34. Stock rauf, in sein Büro im Südturm. Er nahm dafür einen der lokalen Aufzüge. Außer dem Operator war niemand in der Kabine. Den Mann kannte er noch nicht, sodass er kurz: »Vierunddreißigste!« sagte.
Mit einem stummen Nicken setzte der Mann den Fahrstuhl in Bewegung.
Eben noch war Patrick bei Malcom Crockett oben im „Windows of the World“ genannten Restaurant gewesen, im anderen Turm, dem Nordturm, bei seinem neuen Chef.
Sie hatten zusammen mit Liz Thompson, der Direktorin des „Lower Manhattan Kulturrates“, gefrühstückt. Er hatte sich vorzeitig verabschiedet, weil um 9.00 Uhr schon das nächste Meeting auf seinem Terminplan stand.
Der Fahrstuhl ruckelte eine Zeit lang, hielt dann an und entließ ihn auf den 34. Stock des WTC 2, dem auch als Südturm der als World Trade Center Komplex bekannten Gebäude, jene alles überragenden New Yorker Zwillingstürme, wo seit drei Wochen sein neues Büro war.
Er dachte immer noch dran, was dieser Mike Karloff durch seine Offenheit möglicherweise alles verbockt hatte, während er durch die Tür in sein Büro ging und sich an seinen Schreibtisch setzte. Der Bildschirmschoner auf dem PC zeigte 8.46 Uhr an. Noch eine viertel Stunde, dann würden die beiden Vertreter von Rubenstein kommen und sie würden über die notwendige Terrorabwehr für die World Trade Center sprechen.
Er machte sich an seine Papiere und sortierte sie durch.
Auf einmal – eine Explosion – war ein lautes und tiefes Bumm zu hören. Das Gebäude erzitterte leicht. Das Licht flackerte. Instinktiv hielt er inne, horchte auf und fragte sich, was das wohl war.

Ein paar Sekunden später gab es einen noch lauteren Knall. All seine Sinne waren geschärft. Er ging zum Fenster, schaute nach rechts und links auf den kurzen Zipfel von Manhattan, konnte aber nichts sehen.
Ein Unfall?
Im nächsten Augenblick explodierte sein am Gürtel angehängtes Funkgerät förmlich. Aus dem allgemeinen aufgeregten Stimmengewirr konnte er eine Frauenstimme heraushören. Es war laut Identifikation jemand aus dem Security Command Center im 22. Stock des Nordturms, eine hysterische Frauenstimme, die er zu erkennen glaubte, der er aber spontan keinen Namen zuordnen konnte.
»... schwere Explosion hier, es fliegen Trümmer, Papier draußen an uns vorbei!«
Jetzt fiel ihm der Name der Frau auch wieder ein. Wilhelmine Carter hieß sie, war Operation Manager im Sicherheits-Kommando-Center drüben im 22. Stock.
Er hörte dem Funk angestrengt zu. Jemand anderes fragte, was passiert wäre.
Schluchzen. Dann wieder die Frauenstimme.
»Wir sind eingeschlossen. Die Tür geht nicht auf! Eine ... Explosion hat die Wand eingedrückt und den Türrahmen verbogen.«
Patrick wusste zwar nicht, was all das zu bedeuten hatte, war aber instinktiv sofort in höchster Alarmbereitschaft, sozusagen im FBI-Modus. Die vielen Jahre beim FBI in der Antiterroreinheit hatten ihn geschult, es half ihm jetzt, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Was hatte das zu bedeuten? Eine Explosion?
Patrick wurde ganz schummrig. Hatte er nicht gestern noch gesagt, wir wären fällig?
Sogar mehrere Male – einmal vor einer Woche und gestern Abend beim Dinner im Elaine’s auch noch seinen Freunden Raymond Powers und Harry Brunswick.

Und nun wollte er sich um 9.00 Uhr auch noch mit den zwei Vertretern von Rubenstein treffen und die Terrorismusgefahr für die WTC besprechen? Und hatte er nicht für heute noch vor, John Patrick O’Sullivan, seinen Sohn, hier zu treffen, um ihm zu erzählen, was er herausgefunden hatte, um einen vertrauenswürdigen Mitwisser einzuweihen?

Zu spät!
Das war alles, was ihm in diesem Augenblick in den Sinn kam.
Er musste raus, runter, rausfinden, was los war. So hastete er los, rüber zum Büro von Mike Karloff nebenan und klopfte zweimal laut. Keine Reaktion. Er wusste aber, dass Mike da sein musste. Sie hatten gleich gemeinsam einen Termin.
Daher öffnete er die Tür und ging rein. Ohne zu zögern, fragte er drauflos: »Was war das eben? Haben Sie den Funkspruch auch gehört?«
Zu spät sah er, dass Michael telefonierte und eine abwehrende Handbewegung machte, eine Geste, die ihn bat, nicht zu reden.
Mike sagte noch: »Okay, wir kümmern uns drum.« Dann legte er auf.
»Patrick, wir haben den Ernstfall.«
Patrick wollte gerade antworten, als Mikes Telefon schon wieder klingelte.
»Einen Moment mal, bitte.«
Patrick hörte, wie Mike sich barsch meldete. »Karloff.«
Eine kurze Pause, dann weitere Satzfetzen, begleitet von einem geschockten und schneeweißen Gesichtsausdruck:
»Oh, mein Gott!«
»Ja.«
»Ich verstehe.«
»Wir schicken sofort unsere Leute dort hin.«

Mike wirkte extrem besorgt. Patrick hatte zwar noch seine normale Coolness, ihm schwante aber Böses. Vielleicht so etwas wie 1993. Ein Anschlag.
»Patrick, hören Sie. Es gab wohl eine Explosion im Nordturm, ziemlich weit oben. Wir gehen rüber in die Lobby des Nordturmes, zum Kommandoposten der Feuerwehr. Unterwegs sage ich alles, was ich weiß.«
Schon zog er sein Jackett über und sie machten sich zusammen auf den Weg.
»Versuchen Sie bitte noch, Greg zu erreichen!«
Michael Karloff war seit über zehn Jahren der Sicherheitschef vom World Trade Center und Gregory Anakis war dabei seine rechte Hand gewesen.
Deshalb zögerte Patrick nicht eine Sekunde lang und überhörte den Kommandoton, den Mike an den Tag legte. Zwar war er seit dem 01.09.2001 formal der neue Sicherheitschef, schließlich hatte die „Port Authority“ die Gebäude vor neun Wochen an Larry Silverstein verpachtet und zog sich seitdem Zug um Zug zurück, aber es gab noch eine dreiwöchige Übergangszeit für ihn und nun dankte er Gott dafür, dass ihm trotz aller Differenzen, die sie hatten, Mikes und Gregs Erfahrung und Know-how noch zur Verfügung standen.
Gab es heute eben formal zwei Sicherheitschefs. Einen neuen mit FBI-Erfahrung und einen mit zehn Jahren World Trade Center-Praxis.
Sie eilten zum Fahrstuhl und er wählte gleichzeitig mit seinem Mobiltelefon die Nummer von Gregory Anakis, erreichte ihn aber nicht, es war besetzt. Mike drückte den Knopf, als vor ihm die Tür des Fahrstuhls aufging und Gregory Anakis mit einem Telefon am Ohr vor ihnen stand.

Greg hatte schon irgendetwas mitbekommen, auch er sah besorgt aus. Mike schob ihn mehr oder weniger zurück in den Fahrstuhl.
»Greg, gut, dass wir dich treffen. Los, komm mit, zum Nordturm rüber.«
Patrick legte wie Greg auf und steckte das Telefon wieder zurück in seine Innentasche.
»Was ist los, ich habe eben einen Funkspruch gehört, irgendwas mit einer Explosion?«, fragte Greg sichtlich verstört.
»Ich sage euch beiden im Fahrstuhl, was ich bisher weiß.«
In der Kabine hatte Mike ihnen noch einmal das Wenige berichtet, was er bisher selbst gehört hatte. Er betonte, dass, auch wenn es ein Flugzeug gewesen sein sollte, es immer noch die Möglichkeit eines Unfalls gäbe.
Augenblicke später waren sie in der Lobby des Südturms. Aus der Ferne waren die ersten Sirenen zu hören. Der Platz vor dem WTC war so gut wie menschenleer, was Patrick etwas verwunderte. Dann sahen wie auch, warum – da draußen lagen überall Trümmer, Gebäudeverkleidung aus Aluminium, aber auch Papierfetzen und andere, nicht identifizierbare Trümmerstücke. Sie entschieden sich, in der Concourse genannten Shopping Mall zum Nordturm zu gehen, da diese überdacht war. Also noch ein Stockwerk mit der Rolltreppe runter.
Unten in der Concourse angekommen, vergrößerte sich sein Erstaunen noch. Normalerweise verkehrten hier immer hunderte Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen zwischen den PATH-Zügen und den anderen New Yorker U-Bahnlinien hin- und herströmten und die Korridore und Läden bevölkerten. Obwohl das Explosionsgeräusch vielleicht gerade mal fünf Minuten her war, war alles so gut wie menschenleer. Ab dem Kaffee-Shop zog ein rauchiger, dunkler Qualm auf. Es roch nach Kerosin.

Als sie beim Laden von Thomas Pink vorbeikamen, der auf der Südostecke des Nordturms lag und gerade renoviert wurde und deshalb geschlossen war, sagte Greg spontan:
»Genau wie 1993.«
Schon hier konnten sie die Zerstörungen sehen. Die großen Wegweiser, die an der Decke hingen, waren teilweise herunterfallen. Ein Sprinkler lief, sodass sie dem Wasser ausweichen mussten. Überall war feiner Staub verteilt.
Patrick erfasste alles wie ein Adler und überlegte krampfhaft, was hier unten passiert sein könnte. Sie gingen nun durch den Eingang zum Nordturm durch, fuhren mit der Rolltreppe hoch und betraten die dortige Lobby.
Eine Explosion?
Eine Bombe, wie befürchtet?
Er würde schneller Gewissheit erlangen, als er sich das vorstellen konnte.